Monatsbrief Oktober 2026
Bildet Banden
Michael Bommi Baumann
Liebe Mystik- und Kontemplation-Interessierte!
Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten!
Auch in diesem Monatsbrief folge ich noch einmal der Gemeinschafts-Spur.
Bildet Banden – dieser Aufruf aus dem Dunstkreis der Kommune1 in West-Berlin Ende der sechziger Jahre stand in einem anderen Kontext. Michael Bommi Baumann, Mitglied der West-Berliner Tupamaros und später der Bewegung 2. Juni, verstand dies im Kontext revolutionärer Zirkel.
Und doch findet es Resonanz in mir. Gegenwärtig schallt ja aus jeder Ecke die Frage: „Was ist zu tun in diesen unübersichtlichen durchgeknallten Zeiten der Multikrise, in denen vermeintliche Selbstverständlichkeiten sich auflösen?“ Zwei vermeintliche Antworten formen sich darauf in mir.
1. Bildet Banden. In den Zeiten sich auflösender Verbindungen und Verbindlichkeiten scheint es mir wesentlich, kleine überschaubare Gruppen, Gemeinschaften zu schaffen, die dem Trend zur Vereinzelung und zum Selbstwirksamkeits-Verlust entgegenwirken.
Sie kann eine gemeinsame Praxis verbinden (wie eben das kontemplative Gebet) und in ihnen kann eine Kultur gestaltet werden, die dem Mainstream entgegensteht.
In ihnen kann das als richtig Erkannte gelebt und aufrechterhalten werden, auch gegen den Zeitgeist.
In ihnen kann gemeinsam eine Sprachfähigkeit entwickelt werden, die unserer Kultur abhandengekommen ist.
Wir zahlen gesamtgesellschaftlich einen hohen Preis für den Sprachverlust religiös-spiritueller Sprache. Die alte Sprache Kanaans ist unverständlich, neuere Sprachversuche eher flach.
Wissend, dass spirituelle Erfahrung nicht hinreichend ausdrückbar und abbildbar ist, bleibt doch die Notwendigkeit, um gesellschaftlich nicht zu veröden und zu verarmen.
Dazu sind kleine Zellen als Experimentierräume nötig, in denen im geschützten Rahmen versucht werden kann, eine Kultur des Anteilgebens und -nehmens zu entwickeln.
Dies wäre gleichzeitig als Kultur der Zartheit, Feinheit und Sanftheit zu charakterisieren, die Individualität und Erfahrungs-Bezogenheit zulässt und nicht vorzeitig konzeptionell gleichschaltet.
Diese Räume brauchen Schutz durch gewachsene Wertschätzung, Liebe zur Vielfalt, Erlaubnis der Unterschiedlichkeit, Würdigung der Tiefe.
Da sein, einfach da sein, mit allem, was da ist, ist ein gutes Motto dafür.
Daneben kann in ihnen Praxis für die Einzelnen stabilisiert und ermutigt werden.
Ebenso sind in diesen gemeinsamen Praxisfeldern Inspiration, Ermutigung und Halt gebende Korrektur möglich.
Zudem ist in ihnen der Austausch über die aktuelle Situation und eine mögliche praxisbasierte Antwort im Alltag möglich.
Zudem pflegt der Heilige Geist Einladungen anzunehmen, und in diesen spirituellen Praxisgruppen sprechen wir diese aus.
So sehe ich in diesem „bildet Banden“ eine Widerstandsmöglichkeit gegen den Verlust von Menschlichkeit und für beispielhafte Pflege von Verbundenheit und Gemeinschaft, gegen Vereinsamung und Rückzug ins vermeintlich Private.
2. Das alte Zitat von Karl Barth - Auf die Frage, was zu tun sei, schreibt er an seinen Kollegen und Freund Eduard Thurneysen: „Vor allem - in necessaris keinen Schritt nachgeben, in dubiis sich nichts anmerken lassen, in omnibus die Pfeife nicht ausgehen lassen.“ Abgeleitet von dem alten Prinzip: in notwendigen Dingen Einheit, in den zweifelhaften Freiheit, in allem aber die Liebe.
So verband Karl Barth (der dieses Zitat auch später immer wieder leicht verändert nutzte) „weiter Theologie treiben und die Pfeife nicht ausgehen lassen“.
Ich übersetze: in den grundsätzlichen Dingen Einheit, weiter bei einmal als gut, lebendförderlich und richtig Erkanntem bleiben, nicht dem Zeitgeist hinterherlaufen.
Also auf Verankerung im Raum transpersonaler Verankerung achten. In den offenen Fragen der Praxis keine vorzeitige dogmatische Festlegung sondern Freiheit, den eigenen Weg gehen, um dem eigenen inneren Meister folgen zu können. Über allem aber die Liebe. Würdigung, Wertschätzung, Anerkenntnis dessen, was ist, Mitgefühl und Verbundenheit als Grundlage insgesamt.
Was ist gegenwärtig zu tun? Vorschnellem, verausgabendem Aktivismus wehren, Verbundenheit und Gemeinschaft pflegen und das als richtig Erkannte nicht lassen, sondern treu dem inneren Weg folgen, scheinen mir gegenwärtig die Antworten mit der stärksten Resonanz in mir.
Insgesamt habe ich eine tiefe Gewissheit, dass Gruppen und Weggemeinschaften wie der unseren die Zukunft gehören wird. Die alte Sozialstruktur von Kirche wird sterben. Ad fontes, zurück zum Ursprung, back to the roots, kleine ausstrahlungsfähige und andockfähige Gruppen, Zentren und Gemeinschaften werden die Zukunft der Kirche darstellen. Um die ist mir nicht bange.
So lasst uns in Verbundenheit den Weg gemeinsam weitergehen und damit ein Zeichen der Verankerung im kontemplativen Gebet,
der Verbundenheit und Gründung im unauslotbaren Geheimnis setzen.
Herzliche Einladung zu gemeinsamer Praxis:
- Zum Monatsimpuls: Dienstag, 13. Oktober, 19.30 – 21.00 Uhr
meet.jit.si/MonatsimpulsaustauschraumWeggemeinschaft
Möglichkeit zum Austausch über Aktuelles in der Weggemeinschaft, den Monatsimpuls oder die Reihe zum Thema Gemeinschaft der letzten drei Monate.
- Donnerstags 19.00 bis 21.00 Uhr Abend der Stille und Kontemplation digital, Zugang über die Website, rechte Spalte, unter den aktuellen Terminen findet sich der Anforderungslink. Drei Runden des Sitzens und Gehens, Wochenimpuls, Abendritual der Kontemplationskurse des Benediktushofes und Austauschmöglichkeit
- Kontemplationstag: 10. Oktober, Zentrum Verkündigung, Markuskirche Ffm-Bockenheim, Markgrafenstr.14,
10.00 bis18.00 Uhr, Kontemplation und Gebärde mit Martina Lange (Leitung) und Ralf-Peter Baumann (Assistenz)
-Kontemplation, heilsame Klänge und mantrisches Singen,
08. bis 11.10., Benediktushof, Anmeldung dort über die Website direkt
- 31. Oktober: Jahresvortrag - Kontemplation und Presencing – Kontemplation in Aktion im Alltag. 18.00 Uhr,
St. Elisabeth, Bad Homburg-Obereschbach,
An der Leimenkaut 5
Soweit die Einladungen zu den nächsten Praxiszeiten der Weggemeinschaft.
Ich wünsche Euch einen guten Weg in den Herbst, hinein in die zunehmende äußere Dunkelheit, in der das innere Licht besonders zu leuchten vermag.
In Vorfreude auf Wiedersehen und gemeinsame Praxis
Sven
