Monatsbrief November 2026
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Johann Wolfgang von Goethe
aus dem Gedicht „Selige Sehnsucht”
Liebe Mystik- und Kontemplation-Interessierte!
Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten!
In den Fluss zu steigen, die Arme auszubreiten und „stopp!“ zu rufen, wird wenig Erfolg haben, weder im Ahlbach, im Main, im Rhein, noch im Lebensfluss. Und so lang du dies nicht hast, bleibst du trüber Gast auf Erden.
Stirb und werde, sich dem Fluss des Lebens überlassen und hingeben zu können: Grundbedingung für gelingendes Leben.
Dem Wandel und der Vergänglichkeit trauen, davon handelt dieser Monat. Nach der Umstellung auf die Winterzeit schon früh am Abend dunkel, die letzten Blätter von den Bäumen fallend, Rückzug und Einkehr der Natur in die Winterruhe, Sinnbild der Vergänglichkeit.
Ich schreibe diesen Brief an Allerheiligen und Allerseelen und drei Tage nach dem Abräumen des Grabes meiner Mutter. Drei Wochen nach ihrer Beerdigung sind die Kränze und Blumen so weit vergangen, dass es Zeit ist, ihnen ihren Platz auf dem Kompost zu geben, Grundvorgang des stirb und werde.
Gleichzeitig ist mir spürbar, wie schwer es mir fällt, nicht festzuhalten an Altem und Vertrautem, an Liebgewonnenem und Gewohntem. Kurz: Wie herausfordernd es ist, mit dem Lauf der Gezeiten zu gehen, meinem Altern und den zunehmenden Grenzen.
Der bleibt ein trüber Gast auf Erden, dem dies nicht gelingt, der hängenbleibt an Ansprüchen und Haltungen vorangegangener Phasen. „Ein nicht weise gewordener Alter ist eine Witzfigur!“ heißt es im Osten. Das ist wahrlich auch hier zu besichtigen, ebenso wie der alt gewordene Berufsjugendliche, die Pubertät bis zur Ruhestandsgrenze ausdehnend. Manche altehrwürdige Kompensationsstrategie, schon lange dysfunktional geworden, kann nicht gelassen werden, weil innere Heilungsarbeit als zu schmerzhaft vermieden wurde. Trüber Gaststatus!
Geh mit der Zeit, sei auf der Höhe der Zeit, up to date, aber nicht nur der Zeit, sondern auch Deiner Zeit, was nicht per se identisch ist. Dies gilt für die persönlichen Lebensphasen wie die gesellschaftlichen und institutionellen Epochen. Und immer sind die Übergangsphasen labilisierend und störanfällig (vom Kind zum Jugendlichen in der Pubertät, vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen [Adoleszenz], in der Lebensmitte und auch hinein ins Alter). Auch gesellschaftlich befinden wir uns in einem solchen Übergang: Altbewährte Antworten tragen und taugen gerade nicht mehr, die neuen sind noch nicht offenbar oder zumindest polar und umstritten. Ohne in dieses stirb und werde - inclusive der unkomfortablen Übergänge - einwilligen zu können, bleibt es schwierig.
Im Kern unserer Praxis üben wir aber genau dies. Jeder Atemzug ein stirb und werde. Auch in der Grundform der Atembetrachtung gilt dies: Kann ich mich überlassen, dem Geschehen ganz hingeben? Denn in der kontemplativen Übung geht es nicht um ein Machen, sondern um ein grundsätzliches Lassen. Kann ich den Ausatem ganz gehen lassen und, mich verströmend in den Grund, die Schale meines Beckens sinken lassen, ohne etwas zurückhalten zu müssen, hinein in die Bedürftigkeit und Angewiesenheit der Leere und des Nichts, eine Form des verströmenden, verschenkenden Sterbens, wartend, bis die neue Atemwelle, ohne sie vorwegzunehmen, mich neu hebt, belebt und verlebendigt, mich mich neu empfangen lässt. Erlaubend, dass der Einatem mich vollständig füllt, vom Beckenboden bis zu den Lungenspitzen unter meinen Schlüsselbeinen. Stirb und werde, nicht am Ende meiner Tage, sondern Atemzug für Atemzug. Wie gesagt: Kontemplation ist eine grundlegende Übung des Lassens, nicht des Machens!
Dieses stirb und werde gilt auch für Institutionen wie unsere Weggemeinschaft. Deshalb hier:
Neues aus der Weggemeinschaft
1. Zunächst eine persönliche Mitteilung: beginnender Rückzug
Das am 29. November, dem ersten Advent beginnende Kirchenjahr wird mein letztes in alter Funktion in der Weggemeinschaft sein. Sechs Jahre nach meiner Versetzung in den Ruhestand vertieft sich der Wunsch nach weniger festen Verbindlichkeiten. Deshalb habe ich intern schon länger angekündigt, ab 2028 nicht mehr allein für die Abende der Stille und Kontemplation und die Monatsbriefe zuständig sein zu wollen. Ebenso ist die jetzige Jahresplanung die letzte, die ich für die Weggemeinschaft machen möchte. Seit dem 13. Januar 1993 biete ich wöchentlich einen Abend der Stille an, seit 2021 auch mit Wochenimpuls als Video. Einerseits imposant, was da an fast 300 Impulsen entstanden ist, ein schönes Schatzkästchen, andererseits dauernder Druck zu kreativem Einfall. Dem möchte ich mich ab 2028 nicht mehr verbindlich aussetzen. Es liegt dann am Lehrkörper und dem Vorstand, über den Fortgang zu befinden. Das heißt nicht, dass ich dann nie wieder einen Donnerstag anleiten oder keinen Monatsbrief mehr schreiben will, aber die alleinige Verantwortlichkeit dafür möchte ich nicht mehr tragen.
Insgesamt sehe ich mich noch bis 2031 committet, so es meine Gesundheit zulässt. Dann möchte ich eine Nachfolgerin benannt haben und mich weitergehend zurückziehen.
Auch deshalb:
2. Standortbestimmung und Visionssuche der Weggemeinschaft 2027
Der Vorstand hat in seiner letzten Sitzung der Idee eines solchen Prozesses für 2027 zugestimmt.
Er wird unterschiedliche Formen haben: Einerseits digitale Austauschrunden (wie sie in diesem Jahr schon begonnen haben zu den Monatsbriefen) und zwar am 11.1.; 8.2.; 15.3.; 14.4. 11.5.und am 7.6., andererseits ein präsentes Blockseminar vom 11. bis 13. Juni, voraussichtlich in St. Elisabeth, Obereschbach.
Diese Termine bei Interesse bitte unbedingt bereits vormerken! Alle mit der Weggemeinschaft Verbundenen sind dazu dringlich und herzlich eingeladen.
3. Jahresversand
Auch in diesem Jahr braucht es wieder einen Termin für das Eintüten des Jahresversandes:
Dienstag, 08. Dezember
10.00 Uhr bis 14.00 Uhr
St Elisabeth, Spirituelles Zentrum Taunusblick, Obereschbach
Und Ihr wisst aus den vergangenen Jahren: Viele Hände, schnelles Ende! Wer möchte und kann dazukommen? Bitte schon jetzt beim ersten Aufruf melden und nicht auf den letzten Hilferuf am 04.12. warten. Danke.
Stirb und werde, im Fluss bleiben, den Herausforderungen freudig, zuversichtlich zugewandt, gilt auch für die Weggemeinschaft. Lasst uns den Weg gemeinsam weitergehen.
Dazu folgende Praxistermine zum Jahresende hin:
- Donnerstags: Abend der Stille und Kontemplation, 19.00 Uhr bis 21.00 Uhr.
Zugang über den Anforderungslink auf der Website www.kontemplationundmystik.de, rechte Spalte unter den aktuellen Terminen. Außer dem 26.11 voraussichtlich.
- 10. November, 19.30 Uhr bis 21.00 Uhr: Austauschraum derWeggemeinschaft zum Monatsbrief.
Hier der Zugang: https://meet.jit.si/MonatsimpulsaustauschraumWeggemeinschaft
- 21. November: 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr:Kontemplationstag -Kontemplation im Tor zum Advent, Emmausgemeinde, Frankfurt Eschersheim, Alt Eschersheim 22
- 22. November: Gottesdienst aus der Stille - das Leben feiern, 17.00 Uhr, Emmausgemeinde Frankfurt Eschersheim, Alt Eschersheim 22
- 26. November: evtl.kein Abend der Stille und Kontemplation
- 26. bis 29. November: Schulungsgruppenklausur, Kloster Germerode
- 05. Dezember, 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr: Kontemplation im Advent (Sitzen – Gebärden – Tanzen), Ev. Gemeindezentrum Hofheim Langenhain, Alt Langenhain 37-41.
Wer will mich an meinem Geburtstag in der Praxis begleiten? Herzliche Einladung!
- 17. Dezember: letzter Abend der Stille digital, mit Abschluss des Willigis-Jahres.
- 07. Januar: Erster Abend der Stille und Kontemplation 2027
So grüße ich in Vorfreude auf Austausch, Wiedersehen und gemeinsame Praxis herzlich
Sven
