Erfahrung des Exils und des Schließens des Herzens

 

Drei Übungen zur Erforschung des Begriffes der Sünde

Übung 1: Das Wunder entdecken
„Setzen Sie sich bequem hin und spüren Sie Ihren Körper: Die Füße und ihren Kontakt zum Boden, die Beine, den Po und die Sitzfläche, den Rücken und die Schultern, Hände und Arme, Nacken und Hals, den Kopf. Nun schenken Sie sich einen Moment des Wohlwollens und der Freundlichkeit.
Stellen Sie sich nun darauf ein, ein inneres Bild zu einem Thema auftauchen zu lassen. Versuchen Sie, dies so offen wie möglich zu tun. Ganz gleich was auftaucht, lassen Sie es da sein.
Nun nehmen Sie wahr, was geschieht, wenn Sie das innere Bild entstehen lassen. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen ein kleines, vielleicht fast neugeborenes Kind in den Arm gelegt wird.
Lassen Sie sich Zeit
Spüren Sie, ob dieses Bild eine körperliche Auswirkung auf Sie hat. Vielleicht gehört zu diesem Bild eine besondere Stimmung oder ein Gefühl. Vielleicht gehen Ihnen Impulse, Gedanken durch den Kopf oder Sie erleben so etwas wie eine innere Aufforderung, etwas zu tun. Nehmen Sie all das wahr, und verweilen Sie einige Zeit dabei.
Und dann wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit von den Bildern und Inhalten hin zur Atmosphäre, dem inneren Gestimmtsein dieses Augenblicks.
Wie ging es Ihnen mit diesem Bild? War ein innerer Zugang möglich? Die meisten Rückmeldungen zu dieser Übung beschreiben ein Empfinden von Wärme, von Strahlen, von Berührtsein und dem Empfinden des Wunderbaren und Kostbaren, aber auch von Angst und Unsicherheit ob der Zerbrechlichkeit, des Angewiesenseins und der Bedürftigkeit dieses kleinen Wesens. Zumeist breitet sich eine weiche, sanfte, liebvolle Atmosphäre im Raum aus. Manche Menschen werden aber von diesem Bild auch mit Verlust, Schmerz und Trauer in Kontakt gebracht, der auf ein Erleben ihrer Lebensgeschichte verweist. Gleichwohl ist auch dieser Schmerz die Rückseite wiederum der Kostbarkeit des Betrauerten und Ausdruck der Lebendigkeit.
So hat ein neugeborenes Kind die Kraft, uns in Kontakt mit dem Wunder des Lebens zu bringen, welches wir selbst sind. Es hat die Kraft durch Ablagerungen, Verhärtungen und Schutzschilde unseres Herzens zu dringen und es wärmend und nährend zu berühren. Es bringt in seiner Strahlung das Licht zu uns. Und ich wage die These, dass selbst ein verbitterter Mensch nicht anders kann, als ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu lassen, wenn ihm dies geschieht - vielleicht nur für einen Bruchteil einer Sekunde, aber immerhin.
Nur: In aller Regel gerät uns dies im Laufe unseres Lebensweges in Vergessenheit. Dann sind nicht mehr das Wunder des Lebens und die Kostbarkeit des Seins grundlegend für unser inneres Erleben und unser Selbstverständnis. Unser alltägliches Bewusstsein ist dann nicht bestimmt von der Erfahrung der Verbundenheit und Einheit. Unser Erleben ist dann
nicht von unserer unzerstörbaren Gotteskindschaft und der Rechtfertigung vor aller Leistung bestimmt. Sondern wir definieren uns über das Gelingen und Scheitern im Blick auf fremde und eigene Ansprüchen an uns. Damit geraten wir in eine Abhängigkeit vom Außen und verlieren – auch religiös-spirituell – den Zugang zur Quelle in uns. Wir sind von unserem tiefsten Sein, unserem Wesen getrennt, entfremdet.
Mit zwei weiteren Übungen möchte ich dies mit Ihnen weiter untersuchen und unser Verstehen vertiefen:
Übung 2:
Hinbewegung der Liebe
Lassen Sie sich wieder bequem nieder. Schenken Sie sich einen Moment des Wohlwollens.
Bereiten Sie sich erneut innerlich darauf vor, ein Bild Ihrer Seele in Ihnen aufsteigen zu lassen. Wiederum geht es nicht darum etwas richtig zu machen, sich anzustrengen oder zu bewerten.
Nun lade ich Sie ein, sich einer Ihrer frühen Bezugspersonen zu erinnern. Jemand, der Ihnen in früher Zeit nahe war. Machen Sie es sich leicht, wählen Sie ohne lange darüber nachzudenken.
Dann stellen Sie sich, sich selbst als kleines Kind vor.
Stellen Sie sich vor, Sie als dieses kleine Kind wären in einer inneren, vielleicht auch äußeren Hinbewegung der Liebe auf diese erwachsene Bezugsperson hin. Sie möchten ankommen, wahrgenommen werden, erwartet sein, gesehen werde. Es ist wie ein innerliches Abtasten: „Bist Du da? Ist dein Herz offen für mich? Darf ich da sein? Siehst Du mich?“
Und das Herz dieser Person ist offen, bereit, empfänglich. Die Tür ist offen für Sie.
Und wieder: Wie fühlt sich das an? Welche Stimmung, welche Emotion ist damit verbunden? Welche körperliche Reaktion können Sie wahrnehmen? Und welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf? Vielleicht gibt es auch Interpretationen des Geschehens in Ihnen? Erforschen Sie das solange Sie mögen.
Übung 3: Das Schließen des Herzens
Dann lade ich Sie nochmals ein, dieses Bild einer inneren Bewegung auftauchen zu lassen und zu spüren, welche Empfindungen sich dieses Mal in Ihnen einstellen. Und wiederum bitte ich Sie wahrzunehmen, ob und wie lange es für Sie gut ist, diese Übung zu praktizieren.
Stellen Sie sich vor, Sie als dieses kleine Kind wären in einer inneren, vielleicht auch äußeren Hinbewegung der Liebe auf diese erwachsene Bezugsperson hin. Sie möchten ankommen, wahrgenommen werden, erwartet sein, gesehen werde. Es ist wie ein innerliches Abtasten: „Bist Du da? Ist dein Herz offen für mich? Darf ich da sein? Siehst Du mich?“
Dieses Mal aber ist das Herz dieser Person verschlossen, zu, nicht bereit für Sie, dieses Kind. Es gibt kein Durchkommen, kein Ankommen, keine Bereitschaft für Sie. Die Tür bleibt verschlossen. Ihre Hinbewegung bricht ab, stockt, kommt nicht zum Ziel.
Und wieder: Wie fühlt sich das an? Welche Stimmung, welche Emotion ist damit verbunden? Welche körperliche Reaktion können Sie wahrnehmen? Und welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf? Vielleicht gibt es auch Interpretationen des Geschehens in Ihnen? Erforschen Sie das solange Sie mögen und beenden Sie dann die Übung in der gewohnten Weise, spätestens aber nach zwanzig Minuten.
Zumeist sind die geäußerten Resonanzen auf diesen zweiten Übungsteil sehr aussagekräftig. Es wird Kälte erlebt oder Hitze, Verspannung oder Schmerz, ein Schrecken, Angst, die sich manchmal bis zu Gefühlen der Verzweiflung steigern kann, Enttäuschung, ein Kloß im Hals, Stein im Magen oder Druck auf der Brust. Häufiger auch ein Empfinden von Gefühllosigkeit, von Leere, ein wie tot sein. Und immer wieder werden Gedanken berichtet wie: Bin ich richtig? Liegt es an mir? Was habe ich falsch gemacht? Diese sind gepaart mit Gefühlen der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, des Angewiesenseins.
Wichtig ist: Diese Erfahrung ist unausweichlich! Denn wir als Kinder waren alle beseelt von dem Wunsch nach der allgegenwärtigen Mutter, dem allmächtigen Vater, den idealtypischen Eltern. Wir werden als allein nicht Lebensfähige geboren und sind bedingungslos Angewiesene, geworfen in die
Existenz. Und das ist noch keine Frage von Vermögen oder Unvermögen der Eltern, günstigen oder ungünstigen Lebenssituationen. Diese Erfahrung ist unausweichlich, da unsere Eltern – oder wer immer uns nahe war – selbst menschlich sind. Und das heißt eben: begrenzt. Und: Ein Kind, zumal ein Kind, das noch über keine Sprache verfügt, kann nicht anders, als das Erleben auf sich zu beziehen.
Natürlich spielt im Blick auf die in der Übung angeklungene Grunderfahrung eine entscheidende Rolle, auf welchen Boden diese Erfahrung des Fremdseins fällt. Ein Klima der Unsicherheit und Angst, Manipulation und Willkür, des Missbrauchs oder der Ausbeutung lassen die Folgen dieser Urerfahrung weit destruktiver wirken, als wenn diese Erfahrung im Kontext generell liebevoller Fürsorglichkeit und friedvoller Umgebung gemacht wird. Für die Lebensgeschichte des Einzelnen sind diese individuellen Belastungsfaktoren von herausragender Bedeutung. Daneben bleibt aber ebenso festzuhalten, dass es gerade die gesellschaftlichen Verblendungs- und Herrschaftsverhältnisse sind, welche diese individuellen Faktoren wesentlich mitbestimmen.
Die oben beschriebenen Reaktionen können gelesen werden als ein sich Schließens des Herzens. Das Herz schützt sich und macht sich aus Furcht vor Schmerz, Enttäuschung und Ohnmacht fühllos. Damit entsteht eine Fremdheit mir selbst gegenüber. Ich verliere Spürfähigkeit. Mir geht der direkte Kontakt zu mir selbst verloren. Ein Sprung in der Selbstverständlichkeit meiner Daseinsberechtigung tut sich auf, ein Riss geht durch mein Herz. Wir verlieren den Kontakt zu unserem wahren Wesen und
eine Fremdheit entsteht, die Sehnsucht gebiert. In der Folge suchen wir Orientierung im Außen. Wichtig ist festzuhalten: Dieser Prozess der Enttäuschung ist unabdingbare Voraussetzung für alles personale Reifen. In diesem Prozess bilden wir unser Ich als notwendiges Organisationszentrum aus. In diesem Sinn ist diese schmerzliche Erfahrung Voraussetzung und Motor für eine Entwicklung hin zur reifen Persönlichkeit und zur Fähigkeit zu personaler Autonomie. Allerdings ist die Sehnsucht, welche sich aus dieser grundlegenden Erfahrung speist, letztlich auf der personalen Ebene nicht zu stillen. Die Sehnsucht verweist auf eine Dimension, die die personale Ebene der Erfahrung übersteigt: eine transpersonale Dimension des mystischen Erlebens. Damit ist dieser Prozess beides: Verlust ursprünglicher Heimat und Voraussetzung für personale und transpersonale Reifungsschritte. Unabdingbar aber gehört zu ihm dazu, sich aus der Differenz, der Dualität, dem Getrenntsein zu verstehen. Dies drückt sich in der biblischen Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies (Gen. 3) aus: Sehend zu werden, autonome Person zu werden ist nur aus der Perspektive der Differenz, der Dualität und des Getrenntseins möglich. So beschreibt die Geschichte vom „Sündenfall“ also nicht eine persönliche Verfehlung, sondern einen schmerzlichen Wachstums- und Reifungsprozess. Dieser findet sowohl individuell in jedem Menschenleben, als auch kollektiv in der Geschichte der Menschheit als ganzer statt.
Überarbeiteter Auszug aus:
Sven-Joachim Haack, Das Gebet der Stille – Eine Hinführung zur Kontemplation, Kaufmann Verlag, Lahr, 2010