Der Wiederentdeckung der Mystik verpflichtet

Die Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK)

Meine langen Jahre in einem japanischen Zen-Zentrum zeigten mir, dass wir Christen in unserer Mystik einen gleichwertigen, parallelen, spirituellen Weg in die mystische Erfahrung besitzen, wie die östlichen Religionen. Diesen Weg aufzuzeigen und in den christlichen Kirchen zu lehren ist seitdem mein Anliegen

Willigis Jäger

Der Impuls

Ende des Jahres 1989 lud P.Willigis Jäger einige Weggefährtinnen und Weggefährten, Schülerinnen und Schüler zu einem Treffen am 15. Januar 1990 ins Haus St. Benedikt in Würzburg ein. Im Zentrum dieses Treffens stand die Frage, wie das kontemplative Gebet verbreitet, die Praktizierenden sich vernetzen und gegenseitig unterstützen könnten. Noch in der ersten Jahreshälfte folgten zwei weitere Tagungen. So entstand der „Ökumenische Arbeitskreis kontemplatives Gebet“, Vorläufer der heutigen „Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK)“. Diese entstand Mitte der 90er Jahre aus dem Arbeitskreis. Ihre lokale Mitte hat die WSdK auf dem Benediktushof (97192 Holzkirchen bei Würzburg, Klosterstr.10 www.wsdk.de, info@remove-this.benediktushof-holzkirchen.de, Tel.: 09369-983822). Sie ist Teil des Vereins Spirituelle Wege e.V. Zur Schule gehören mittlerweile annähernd achtzig bestätigte Lehrerinnen und Lehrer, die Menschen in den kontemplativen Weg einführen und sie auf diesem begleiten. Daneben gehören zur Schule Mitglieder, die den Weg selbst seit längerer Zeit gehen und welche die eigenen Erfahrungen vertiefen, um sich auf die Führung und Begleitung anderer vorzubereiten. Für Menschen, die die Arbeit der WSdK kennen lernen wollen und selbst auf dem kontemplativen Weg sind, besteht die Möglichkeit, auf Einladung als Gast an den Tagungen der Schule teilzunehmen. Diese finden jeweils im Januar und September statt und dienen der Weiterbildung durch Vorträge zu einem Schwerpunktthema, dem Austausch und der Intervision, sowie natürlich der gemeinsamen Übung der Kontemplation. Die Tagungsthemen werden in der Zeitschrift der Schule „Kontemplation und Mystik“ dokumentiert und diskutiert. Vor den Tagungen finden in der Regel Weiterbildungen statt, welche spezifische Fragestellungen verfolgen (z.B.: Leibarbeit als Wegbegleiterin in die Stille, Gesprächsführung, Körpergebet, Spirituelle Krisen...).

Am Beginn: Eine Defiziterfahrung und Suchbewegung

Willigis Jäger beschrieb in vielen Zusammenhängen (z.B. Aufbruch in ein neues Land, Herder, Freiburg 2003, S.11ff.) seine eigene Suchbewegung nach etwas, was ihn zunächst ins Kloster führte, dann zum Zen nach Japan und schließlich zu einer vertieften Erkenntnis seiner christlichen Tradition. Die Ahnung einer umfassenderen Erfahrungsmöglichkeit der Wirklichkeit, für die es keinen Ort und Rahmen zu geben schien, auch nicht in der spirituellen Begleitung im Rahmen seines Ordens. Für viele Menschen, die den Weg der Kontemplation beginnen, scheint eine parallele Erfahrung Motivation und Ausgangspunkt zu sein. Oft sind es Krisen-und Durchbruchserfahrungen, die auf den Weg führen und welche in den gegenwärtigen Seelsorgeformen oft keine Aufhebung finden. Menschen folgen einer kaum beschreiblichen Sehnsucht nach Sinn, erleben sich den traditionellen Gebetsformen entwachsen oder brechen in existentiellen Krisen in den Raum mystisch-transpersonaler Erfahrung durch, ohne dieses Erleben integrieren zu können. Während ihrer anschließenden Suchbewegungen werden diese Erfahrungen oft von anderen relativiert und negiert. Diese Erfahrungen gelten zu lassen, ihnen einen Raum zu gewähren, sie als Motivation für den weiteren kontemplativen Verwandlungsweg zu nutzen und sie nicht zu diskreditieren macht einen guten Teil der Anziehungskraft Willigis Jägers als spiritueller Begleiter aus.

Verflachung: Zur Reduktion christlichen Gebetsverständnisses

In diesem Zusammenhang ist es wichtig auf die zunehmende Einengung christlichen Gebetsverständnisses der vergangenen gut drei Jahrhunderte hinzuweisen. War bis ins ausgehende Mittelalter eine Dreiteilung des Gebetsverständnisses in Oratio (mündliches, gesprochenes Gebet), Meditation (betrachtendes Gebet) und Kontemplation üblich, so reduzierte sich dieses zunehmend auf das mündliche Gebet. Gab es in früheren Epochen ein Wissen um das Fortschreiten auf dem Gebetsweg hin zu Formen der Versenkung, welches einer natürlichen Entwicklungsdynamik den Weg bahnte, so wird dieser Entwicklungsprozess kirchlich eher misstrauisch beäugt oder insgesamt in Frage gestellt. Somit ist es aber für Menschen, die in ihrer Entwicklung an diese Schwelle zum kontemplativen Gebet gelangen, oft sehr schwierig, Wegweisung zu finden. Oder sie werden gar an weiterer Entwicklung durch Hinweise auf das „unchristliche“ ihres Begehrens nach Weitung eines personalen Gebetsverständnisses blockiert und gehindert. Immer wieder beschreiben Teilnehmende der Kontemplationskurse ein oft jahrelanges Suchen, während dessen ihre Erfahrungen in Abrede gestellt oder pathologisiert wurden und sie doch im angebotenen Rahmen keinen Frieden mehr finden konnten. Andere beschreiben einen Abbruch ihres Gebetslebens insgesamt, da sie ein Festgehaltenwerden im mündlichen Gebet als unangemessen erlebten und dies ein Gefühl der Irrelevanz des Gebets insgesamt gebar. Damit trägt die Einengung des christlichen Gebetsverständnisses auf Worte - Machen wesentlich zur Infantilisierung christlichen Glaubens und damit zu dessen Bedeutungslosigkeit bei. Gleichzeitig scheint es, dass immer mehr Menschen in anderen Erfahrungszusammenhängen, jenseits verfasster Religion und Spiritualität, Durchbrüche in den Raum transpersonalen, mystischen Bewusstseins erleben, in diesen Raum, umfassenderer Wirklichkeitserfahrung gelangen. Krisen- und Grenzerfahrungen, Sport, Körpererfahrung, Naturerleben und Kunstbetrachtung werden dafür als bevorzugte Orte immer wieder berichtet. Dies wird in hohem Maß beglückend und erschütternd erfahren und bedarf der Integration und Personalisierung dieser Erfahrung, die zumeist gar nicht als spirituelle erkannt und gedeutet wird und somit oft rationalisiert und banalisiert werden muss.

Kritik der Mystiker an den Seelsorgern

Diese Erfahrungen scheinen nicht nur neueren Datums zu sein. So kritisieren bereits Johannes Tauler und Johannes vom Kreuz die Seelsorger ihrer Zeit. Einerseits legen sie großes Gewicht auf die Seelenführung, andererseits kritisieren sie scharf, dass die Seelsorger ihrer Zeit die Menschen nicht weiter in den Raum mystischer Erfahrung führen, sondern sie an diesem Einlassen in den eigenen Grund eher hindern. „Wer solche Leute, (die den Grund suchen) von da in seine grobe Art äußerer Übung herüberzieht, so dass sie solche Gnade verlieren, bereitet sich selbst ein furchtbares Urteil. Solche Menschen, wahrlich,... legen deren Fortschritte mehr Hindernisse in den Weg, als es je Heiden taten. Ihr also, die ihr mit heftigen Worten und zornigen Gebärden urteilt, nehmt euch in acht, wenn ihr über innerliche Menschen sprecht.“ (Johannes Tauler, Predigten, Einsiedeln 1979, S.20). Ebenso wirft Johannes vom Kreuz Seelenführer Mangel an Verständnis vor, wenn sie versuchen, jene zu Betrachtung und zu frommen Übungen zurück zu holen, welche bereit sind in die Dunkelheit und Leere der Kontemplation einzutreten. An diesem kritischen Punkt spiritueller Entwicklung, wo Trockenheit und Dürre oft zu einer Rückkehr auf bekanntes Terrain verlocken, ist die Begleitung und Führung von besonderer Bedeutung, um zu dem Sprung in den Brunnen, das Einlassen in den Seinsgrund zu ermutigen.

Kontemplation – Der vergessene mystische Weg der Christen

Schon im ausgehenden Mittelalter wurden mystische und spirituelle Erfahrungen immer stärker rationalen Einsichten untergeordnet und von diesen ersetzt. Damit geriet die Balance zwischen exoterischer und esoterischer Dimension der religiösen Tradition mehr und mehr aus der Balance. Exoterische Formen der Religiösität - Glaubensinhalte, Bilder, heilige Zeiten und Orte als Ausdruck einstmals gemachter lebendiger Erfahrung - gerieten deutlich in den Vordergrund, wurden aber von zwei Seiten bedrängt und ausgehöhlt. Die einseitige Absolutsetzung der rationalen Erfahrung leugnete andere Erfahrungsweisen und beförderte ein materialistisch verkürztes Verständnis der Glaubensinhalte im Sinne eines historischen Tatsachenwissens. Auf der anderen Seite wurden die Glaubensinhalte gleichzeitig weniger durch ursprüngliche, eigene Erfahrung gedeckt und aufgeladen und verkamen somit zu musealen Relikten, von nur noch sehr begrenzter gesellschaftlicher Relevanz. In diesem Prozess geriet die esoterische Dimension, welche in die ursprüngliche Erfahrung der religiösen Inhalte führt, in den Hintergrund, ja fast in Vergessenheit. So ging die Mystik und damit der kontemplative Weg dem Christentum weitgehend verloren. Zu den wichtigsten Wirkungen der Tätigkeit Willigis Jägers zählt sein Beitrag zur Wiederentdeckung und Wiederbelebung des mystischen Weges der christlichen Tradition durch die Kontemplation. Dabei beschreibt er, wie gerade die Differenzerfahrung in der Begegnung mit dem Zenweg in Japan ihn zur Erkenntnis der strukturellen Parallelität der Übungswege führte: Auch die christliche, westliche Tradition kennt einen strukturierten Übungsweg, der in die Erfahrung dessen führt, wovon alle Religion in Bildern spricht: die Kontemplation. Alle Hochreligionen haben solche Wege in die Erfahrung ausgebildet: Der Buddhismus Zen, Vipassana und die tibetischen Wege, der Hinduismus den Yoga, der Islam den Sufismus, das Judentum die Kabbala und die chassidischen Formen. Sie alle wollen in die Erfahrung des Göttlichen führen. Auch die christliche Mystik wusste schon immer um diese anderen Dimensionen der Wirklichkeit über das rationale Erkennen hinaus. Die Transzendierung des personalen Bewusstseins ist die Voraussetzung für diese umfassendere Erkenntnismöglichkeit. Die Mystik spricht an dieser Stelle vom Tod des Ichs, wobei es sich nicht um dauerhafte Auflösung dieses wertvollen Organisationszentrum des Menschen handelt, sondern um dessen Relativierung, die Einsicht in seine Begrenztheit, Rücknahme seiner Aktivität bis zu einem zeitweisen Schweigen. So relativiert und transzendiert die spirituelle Übung das Rationale, welches uns nur bis an die Grenze der Erfahrung des Göttlichen geleiten kann. Jenseits liegt die nicht mehr beschreibbare „wirkliche Wirklichkeit“. So gehört zur Grundübung des kontemplativen Weges, der Eingrenzung des Rationalen in Wort und Bild zu entkommen und jedes auftauchende Wort oder Bild, inclusive der frommen, zurückzuweisen.

Kontemplation – Was ist das?

Der Begriff ist schillernd. Umgangssprachlich wird er oft mit Meditation synonym verwandt. Davon ist er jedoch deutlich zu unterscheiden. Zumindest innerhalb der westlich Tradition werden unter Meditation Formen der Betrachtung (Bild, Wort, Symbol, Natur...) verstanden. Während mündliches Gebet und Meditation die inneren Kräfte anregen, geht es bei der Kontemplation um den entgegengesetzten Weg des Lassens. Es geht darum Wille, Verstand, Gefühl zur Ruhe kommen zu lassen, die Ich-Aktivität zurückzunehmen. Trotz dieser Unterscheidung bleibt der Begriff mehrdeutig. Der Begriff Kontemplation wird in mindestens vierfacher Weise verwendet: Als erstes beschreibt Kontemplation eine konkrete Gebetsübung, zweitens die Wahrnehmung des eigenen Seins, traditionell Gebet der Ruhe genannt, drittens den Zustand der unio mystica und viertens die Personalisierung dieser Einheitserfahrung in einer alltäglichen Haltung.

1. Kontemplation als konkrete Gebetsübung

Die konkrete Gebetsübung kennt drei Grundformen: Die Sammlung auf den Atem, die Übung mit dem Wort und das Schauen ins nackte Sein. Alle drei dienen dem Bereiten für ein Widerfahrnis, welches unverfügbar bleibt. Sie helfen die Ich-Aktivität zu sammeln, zu reduzieren und zur Ruhe kommen zu lassen. Bevorzugt ist dabei die körperliche Haltung des aufgerichteten, ruhigen Sitzens. Die Grundform der Konzentration auf den Atem (durch Wahrnehmung der Atemräume oder des Zählens) versucht die schweifenden Gedanken zu sammeln, um mit diesem einen Atemzug eins werden zu können. In der christlichen Tradition war die Konzentration auf den Atemrhythmus oft begleitet von der zweiten Grundform, der Übung mit einem Wort. In der ostkirchlichen Tradition war dies traditionell der Gebetssatz „Herr Jesus Christus, du Sohn Gottes, erbarme dich unser“ oder nur der Name Jesu, welcher an den Atemrhythmus gebunden wurde. In der westlich-römischen Tradition war es der von Johannes Cassian überlieferte Satz „Herr, komme mir zu Hilfe, Herr, eile mir zu helfen“, welcher auf Ein- und Ausatem verteilt wurde. Der uns unbekannte Autor der „Wolke des Nichtwissens“, einer englischen Schrift aus dem 14.Jahrhundert, rät zu einem möglichst kurzen, einsilbigen Wort. Auch für diese mantrischen Grundformen gilt, die Gedanken, Bilder, Empfindungen und Gefühle sind möglichst zum Schweigen zu bringen, sie sind zu lassen. Es handelt sich nicht um ein Nachdenken, sondern um ein Lauschen nach Innen, um dem Klang des Wortes zu erspüren und mit ihm eins zu werden. Die dritte Grundform der Übung, das Schauen ins nackte Sein, wird von selbigem Autor in seinen späteren „Briefen persönlicher Führung“ beschrieben. Johannes vom Kreuz nennt diese Übung „liebendes Aufmerken“. In dieser Form der Übung geht es darum, den Raum des Gewahrseins nach Außen zu öffnen, den 360 Grad Raum um mich herum zu spüren, alle Geräusche und Geschehnisse, die in diesem Raum sind werden wahrgenommen, aber ihnen kommt keine Bedeutung zu. Wenn ein Gedanke auftritt, gilt es diesen zu lassen und zum Lauschen, Spüren, Schauen, zum reinen Gewahrsein zurückzukehren. Auch zu dieser Übungsform gehört die Absichts- und Anstrengungslosigkeit. Dieses Schauen vollzieht sich mit dem ganzen Sein, ganz unbestimmt erwartungsvoll und doch völlig erwartungslos, absichtslos. (Hier ist die Verwandtschaft mit dem nur Sitzen-shikantaza des Zen, dem Mahamudra und Wu-Wei deutlich)

2. Kontemplation als Wahrnehmung des eigenen Seins – Gebet der Ruhe

Diese zweite Dimension oder Phase der Kontemplation beschreibt eine Frucht der Übungsform. Diese führt zu der Erfahrung der Wahrnehmung des eigenen Seins, welche mit dem Zustand tiefer innerer Ruhe und Friedens verbunden ist und in der Tradition Gebet der Ruhe genannt wird. Obwohl dieser Zustand in der Tradition immer wieder bereits Kontemplation genannt wird, ist er jedoch vom eigentlichen kontemplativen Zustand der unio Mystica zu unterscheiden. Der Mensch erfährt sich Gott näher und Gott tiefer als beim mündlichen Gebet, erfährt sein schlichtes Sein in der Gegenwart Gottes. Oft hat dieser Zustand einen stark reinigenden, klärenden, Charakter, der die Persönlichkeit stark umstrukturiert. Gleichwohl bleibt die Erfahrung der Dualität: Hier mein eigenes Sein, dort die Gegenwart Gottes. Es wächst jedoch die Unterscheidung zwischen meinem Sein und dem Sein Gottes. In diesem Sinn handelt es sich hier noch nicht im engeren Sinne um mystische Erfahrungen der Nondualität, jedoch bereits um Qualitäten des transpersonalen Erfahrungsraumes. Diese beiden ersten Dimensionen/Phasen lassen sich bei physischer und psychischer Gesundheit zumeist übend erreichen. Dies gilt nicht mehr für die folgenden Phasen

3. Kontemplation als Zustand der Einheit – unio mystica

Der im engeren Sinne mystische Zustand widerfährt dem Menschen, bleibt unverfügbar, Geschenk, Gnade. Er kann also nicht willentlich herbeigeführt, sondern nur in der treuen Übung vorbereitet werden. Gegenüber dem Gebet der Ruhe führt der Weg weiter, in dem der Schauende (der sich in der Gegenwart Gottes Erlebende) und das Geschaute (die Gegenwart Gottes) eins wird. Der Schauende und das Geschaute werden eins. An dieser Stelle gilt es, auch die Wahrnehmung des eigenen Seins noch zu lassen. Der Autor der Briefe persönlicher Führung schreibt: „ Nachdem es dir schließlich gelungen ist, alle Geschöpfe und was sie betrifft zu vergessen, wird noch immer deutlich und unverhüllt, die Erfahrung und Wahrnehmung deines eigenen Seins zwischen dir und Gott stehen.“ (Willi Massa (Hg.), Wolke des Nichtwissens und Briefe persönlicher Führung, Freiburg 1999, S.101). „Falls du beim Üben merkst, dass du noch nicht Gott, sondern erst dein eigenes Sein wahrnimmst und erfährst, verlange mit der ganzen Kraft deines Herzens danach, einzig in Gottes Sein zu versinken und dass dir nichts übrig bleibt als der tiefe Wunsch, die kärgliche Erkenntnis und die den Grund verstellende Wahrnehmung deines eigenen dunklen Seins zu vergessen“ (S.79). An dieser Stelle wird das Paradox besonders deutlich: absichtslos etwas lassen, noch das Letzte, die Wahrnehmung des eigenen Seins lassen, ohne Erwartung und Absicht. Oft vollzieht sich das Öffnen dieses letzten Tores dann gar nicht in der Übung, sondern im Alltäglichen: Die Erfahrung der Einheit von Zeit und Ewigkeit, Ich und Du, dem Umgebenden und mir. Alles Bilder, die zur nachträglichen Beschreibung verwandt werden und doch völlig ungenügend sind.

4. Kontemplation als Personalisierung der Erfahrung in alltägliche Haltung

Aber auch damit ist der Weg nicht zu Ende: Er führt weiter in den Alltag, sonst handelt es sich um einen Irrweg. Ein ebensolcher Irrglaube stellt die Ansicht dar, mit dieser Einheitserfahrung sei der Weg persönlicher Transformation, womöglich gar im Sinne der „Heiligung“ abgeschlossen. Persönliche Disposition, lebensgeschichtlich erworbene Verletzungen und alte unangemessene Reaktionen stellen sich auf der personalen Ebene auch nach einer solchen Erfahrung, die unterschiedliche Tiefung erreichen kann, wieder ein. Jedoch besteht die Chance der Wandlung, Reinigung und Heilung, da die Gewichtung deutlich verschoben ist. Aus der Erfahrung der Einheit wird Verbundenheit auch im personalen Erleben spürbarer und wird zur Aufgabe, die in alltäglicher Lebenswirklichkeit eingelöst werden will. In diesem Sinn besteht die Treue nicht nur im Blick auf die Übung, sondern ebenso im Blick auf die gesamte Lebensgestaltung.

Der schillernde Begriff Kontemplation beschreibt Vierfältiges: Die konkrete Übungspraxis, die Erfahrung des eigenen Seins, den Zustand der Unio mystica und die Personalisierung dieser Erfahrung im Alltag. Dieser Vierschritt wurde sowohl als Phasenfolge, als auch unterschiedliche Tiefungsbeschreibung verstanden. Deutlich ist die Begrenztheit dieser Konzepte: Natürlich handelt es sich nicht um unausweichlich aufeinander folgende Phasen eines festgelegten Ablaufes oder einer zunehmenden Tiefung. Diese Abschnitte des Weges kommen nicht isoliert vor, sondern vermischen und überschneiden sich im Alltäglichen - auch mit Formen des nicht-kontemplativen Gebetes. Für manche sind die Gebetsformen des mündlichen Gebets und der Meditation Wege, die mit großer Selbstverständlichkeit in die kontemplative Praxis führen. Für andere ist zunächst ein Bruch mit diesen Formen nötig, wieder andere brechen ohne Vorerfahrungen in den Raum mystischer Erfahrung ein.

Kontemplation als Wandlungsweg – Religiöse und spirituelle Krisen

Der kontemplative Weg ist lebenslang und ein Weg tiefgreifender Verwandlung. Wie bereits beschrieben, steht für viele eine Krisenerfahrung, eine existentielle Frage, ein Sehnen nach Sinn und Tiefung am Ausgangspunkt des Weges. Damit ist aber auch klar, dass – wie bei jedem Reifungs- und Entwicklungsweg – spezifische Reifungskrisen zu erwarten sind. Nun ist zunächst mit Madame Guyon, einer französischen Mystikerin daran festzuhalten, dass alle (physische und psychische Gesundheit vorausgesetzt) zu diesem Weg berufen und befähigt sind: „Alle sind geeignet für das Innere Gebet. Es ist ein großes Unglück, dass fast jedermann sich in den Kopf setzt, nicht zum Inneren Gebet berufen zu sein. Wir alle sind zum Inneren Gebet berufen, so wie wir alle zum Heil berufen sind.“ (zit. nach: E.Jungclausen, Suche Gott in dir, Freiburg 1986, S.51)

Ja, ein Verhindern der natürlichen Entwicklung hin zum kontemplativen Gebet und dessen erweiterten Erkenntnismöglichkeiten wirkt selbst kränkend, was z.B. in den Biographien von Hildegard von Bingen und Johannes vom Kreuz deutlich sichtbar ist und häufig auch von Kursteilnehmerinnen berichtet wird.

Deutlich ist jedoch auch, wie diese Grundübung der Kontemplation durch lange Zeiten der Stille und der Reduktion äußerer Reize zu intensiver, vertiefter Selbsterfahrung führt. Auch wenn im Rahmen der Übung alle Gedanken, Empfindungen, Bilder und Gefühle zu lassen sind, werden doch die tieferen Schichten der Seele an die Oberfläche des Bewusstseins gebracht. Zumeist sind es zunächst Nachwirkungen aktuellen Erlebens, wie Rückblicke auf gerade Vergangenes und demnächst zu Erledigendes, welche auftauchen und die Aufmerksamkeit zu binden versuchen.

Dann werden oft alte Konflikte der personalen Ebene - lebensgeschichtlich erworbene Verletzungen, Dispositionen der Persönlichkeit und Grundstimmungen - mit ihren Ambivalenzen, ihrem Verdrängtem und Uneingelöstem nochmals schmerzlich wahrnehmbar. Manchmal ist die Arbeit an der Integration dieser Erfahrungen auf der personalen Ebene nötig, grundsätzlich stellt sich jedoch auf der spirituellen Ebene die Frage, wie dieses Erfahrungen gelassen und damit aufgehoben werden können. Die Praxis der Desidentifizierung in der kontemplativen Übung schneidet diese personalen Erfahrungen nicht ab, sondern gibt ihnen den angemessenen Raum, der heilend wirkt. Gemeint ist also kein spirituelles „Bypassing“ zur Umgehung persönlicher Problematiken, sondern ein Da-sein-Lassen, ohne dem weitere Aufmerksamkeit zu schenken.

Im einem weiteren Abschnitt des Prozesses tauchen häufig archetypische Bilder der Seele auf, welche ebenfalls sehr bedrängenden Charakter gewinnen können. Diese gilt es nicht über zu bewerten, sondern sich streng in der Übung zu verankern. Zwei Gefahren für die Weiterentwicklung auf dem kontemplativen Weg bestehen hier: Einerseits das „Verlaufen“ in diesen Bildern im Sinne psychotischer Destabilisierung und andererseits die Überbewertung im Sinne narzisstischer Überhöhung der Erfahrung. Im Blick auf beides bietet die Rückkehr in die konkrete, körperlich verankernde, Übung, auch im Sinne des Alltages als Übung, Antwort.

Ähnliches gilt für die Ebene der subtilen Erfahrungen zu der energetische Phänomene und außersinnliche Wahrnehmungen gehören.

Eine besondere Krisenanfälligkeit stellt der Übergang von Erfahrungen transpersonaler Qualitäten (wie Stille, Verbundenheit, Ruhe, Mitte, Leere, Präsenz...) zur Non-Dualität oder Unio mystica dar. Denn an dieser Stelle gilt es auch diese Qualitäten und den, der sie erlebt, noch zu lassen, was zu langen Phasen der Dürre und „Gottesferne“ führen kann. Diese Qualitäten des transpersonalen Bewusstseinsraums, welche die Übung einstmals stark motivierten, stellen sich nicht wieder ein, Sinnlosigkeitserfahrung, gähnende kalte Leere und dunkle Nacht tauchen stattdessen auf. Insbesondere Johannes vom Kreuz hat diese Erfahrung und den Weg hindurch vielfach beschrieben. An dieser Stelle hat das Konzept des „Ich-Todes“ seinen Ort. Die Rücknahme der Ich-Aktivität gehört zum gesamten Prozess. Hier jedoch kommt es zu einer letzten Zuspitzung, um die beschriebene Dualität zwischen transpersonaler Qualität und demjenigen, welcher sie erfährt, sich auflösen zu lassen.

Natürlich handelt es sich bei diesen Herausforderungen nicht um ein einliniges Ablauf- oder Phasenschema, sondern um sich gegenseitig bedingende, fördernde Komponenten. Die Personalisierung der kontemplativen Erfahrung bleibt lebenslängliche Aufgabe in diesem Reinigungs-, Verwandlungs-, und Durchleuchtungsprozess.

Für die Wegbegleitung hat sich die von Joachim Galuska (Den Horizont erweitern, Leutner, Berlin 2003, S.182) im Anschluss an die medizinischen Klassifikationen der WHO und der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft vorgeschlagene Unterscheidung als hilfreich erwiesen. Er unterscheidet:

1. Religiösen Krisen, in deren Mittelpunkt v.a. die Inhalte der Glaubensvorstellungen, deren Infragestellung, Veränderung oder Auflösung stehen. Diese spielen oft gerade am Beginn des kontemplativen Weges eine große Rolle, wenn traditionelle Glaubensvorstellungen sich durch die Erfahrung der Übung hindurch aufzulösen beginnen. Auf der personalen Ebene wird dies oft als Loyalitätskonflikt erlebt und ist ein Kennzeichen der Weitung einer personalen Gottesvorstellung hin zu umfassenderen und weiteren.

2. Psycho-spirituelle Krisen, wobei es sich um Integrationsherausforderungen subtiler Erfahrungen in das personale Tagesbewusstsein handelt. Wie ich energetische Empfindungen, außersinnliche Wahrnehmungen oder das Auftauchen parapsychologischer Fähigkeiten integrieren kann, hängt wesentlich von der Grundstruktur meiner Persönlichkeit ab. Wichtig ist an dieser Stelle der Hinweis, dass gerade die Gleichsetzung der Mystik und Kontemplation mit solchen Phänomenen der sensitiven Öffnung außerordentlich zur Diskreditierung beitrug. Alle diese Phänomene sind Erscheinungen des Weges, keinesfalls dessen Ziel. Als solche gilt es auch diese zu lassen, um dem Weg weiter zu folgen. Vor allem aber gilt es, diese Begabungen nicht im Sinne spirituellen Stolzes narzisstisch überhöht zu bewerten.

3. Transpersonale Krisen, zu denen ein strukturelles Ungleichgewicht durch unbalancierte Praxis, die oben bereits erwähnte dunkle Nacht Erfahrung, die Spaltung von Spiritualität und Alltag, sowie die Verabsolutierung der eigenen Erfahrung und die angemessene Integration non-dualer Erfahrungen zählen.

Kontemplation und Weltverantwortung:
Jeder authentische spirituelle Weg führt in den Alltag

Die Personalisierung der Einheitserfahrung im Alltäglichen ist unaufgebbarer Bestandteil des spirituellen Weges. Im Angesicht des beschriebenen religiösen und spirituellen Krisenverständnisses erweist sich gerade auch daran die Authentizität, Tiefe und Integration der gemachten Erfahrung. Hier kommt es zu dem, was Karlfried Graf Dürckheim die Geburt des zweiten Gewissens nannte, welches nicht mehr außenorientiert, sondern innengeleitet und erfahrungsgespeist ist. Die Erfahrung der Verbundenheit lehrt das Alltägliche als das zu sehen, was es ist: Manifestation des universellen Urprinzips der Liebe. „Alle Dinge schmecken nach Gott“, nennt es Meister Eckhart, „Sakrament des Augenblickes“ Jean P.Caussade. Der kontemplative Weg endet nicht auf dem Berg Tabor, wo die Meisterschüler Jesu ihn erleuchtet sahen und gern bleiben wollten (Mt. 17,1-9). Der Weg führt zurück in den Alltag – jedoch in eine veränderte alltägliche Wirklichkeit. Die Verbunden- und Einheitserfahrung Jesu wird zur eigenen. Was ich anderen antue, tue ich mir an, was ich mir antue, tue ich anderen an. Somit weist die verwandelnde Erfahrung des kontemplativen Weges in schöpfungsfreundliche und lebensförderliche Lebenshaltung ein. Nicht aus Appell, moralischem Druck oder Strafandrohung speist sich das die Not wendende Verhalten, sondern aus der Erfahrung der Verbundenheit. Die sich gegenwärtig vor uns auftuenden Probleme im weltweiten Horizont sind nicht nur ökonomische, ökologische und gesellschaftspolitische Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung, sondern spirituelle Anfragen. Auf der Ebene der Zweckrationalität scheinen sie unlösbar. Somit hat es den Anschein, als sei uns als menschheitliche Überlebensaufgabe eine Entwicklung in den Raum mystisch - transpersonalen Bewusstseins aufgegeben. Aus dieser Perspektive wird auch deutlich, dass es sich bei der Kontemplation nicht um einen weltflüchtigen Weg des individuellen Wohlfühlens und der Privaterlösung handelt, sondern um Übung „an einer Verfassung, in der die Fülle des Seins aufrauschen kann“ (wie Thomas von Aquin Askese beschrieb).

Diese geistesgegenwärtige Präsenz meint Benedikt von Nursia wohl, wenn er in seiner Regel auffordert mit allen Dingen des Alltages so umzugehen, als ob es sich dabei um heiligstes Altargerät handele. Thich Nhat Hanh drückt Selbiges heute so aus: „Behandele alle Dinge so, als würdest du eine neugeborenes Baby baden“. Personalisierung der kontemplativen Erfahrung meint Hineinwachsen in solche Lebenshaltung, die weit über das Individuelle hinaus Wirkung hat. Die beständige Erinnerung daran ist ebenfalls bleibendes Verdienst des Jubilars.

Der Wiederentdeckung der Mystik verpflichtet

Viele Menschen des Westens suchen heute in den alten östlichen Traditionen Wege in die Erfahrung des Einen. Dies ist hilfreich und gut, denn anders als eine neoliberal globalisierte Ökonomie brauchen wir eine Ökumene der spirituellen Traditionen gegen den totbringenden Irrglauben der Getrenntheitdringend. Es gibt nur eine Wirklichkeit. Und unsere verschiedenen religiösen und spirituellen Traditionen geben uns eine Ahnung davon, dürfen aber nicht mit dieser letzten, umfassensten Wirklichkeit verwechselt werden.

So ist von großer Bedeutung, diesen christlichen Weg in die Erfahrung des Göttlichen wieder zu entdecken und ihn in das Konzert der ökumenischen Stimmen einzubringen. In den vergangenen gut drei Jahrhunderten haben wir Christinnen und Christen die Schätze unserer Tradition mehr und mehr vergraben. Heute gilt es, diese wieder zu heben und neu zu entdecken. Oft sind es Anregungen aus anderen spirituellen Traditionen, die uns auf die Kostbarkeiten unserer eigenen (Stille, Schweigen, langes stilles Sitzen, mantrische Formen, Fasten, Körpergebet, achtsames Gehen, Tanz, Ritual...) wieder aufmerksam machen. Diese Wiederentdeckung vorgelebt, vielfältig angeregt und viele darin begleitet zu haben danken wir Willigis Jägers.

Dieser Wiederentdeckung der mystischen Tradition des Christentums ist die Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK) verpflichtet. So sind ihre Ziele:

  • Die WSdK will die Tradition des kontemplativen Gebetes beleben.
  • Die WSdK will Menschen in den transpersonalen Raum mystischer Erfahrung hineinführen.
  • Die WSdK will Leherinnen und Lehrer heranbilden, die zu solch einer Wegbegleitung befähigt sind.
  • Die WSdK will dies auf der Basis eines christlichen Selbstverständnisses verwirklichen. Dabei hat der individuelle Reifungsprozess des Einzelnen unbedingten Vorrang; die Gruppe hat eine unterstützende Aufgabe.
  • Die WSdK versteht sich als eine Weggemeinschaft und ist offen auch für Menschen, die keiner Konfession angehören.

In diesem Sinne gratuliert die WSdK ihrem Gründer Willigis Jäger in tiefer, dankbarer und herzlicher Verbundenheit.

Autorenbrief

Sven-Joachim Haack, geb. 1959, evangelischer Pfarrer, verheiratet, zwei Töchter, nach fünfzehnjährigem Gemeindepfarramt jetzt als Klinikseelsorger in zwei Fachkliniken für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Suchtrehabilitation tätig. Kontemplationsschüler von Willigis Jäger, Lehrer der WSdK, Ausbildung sakraler Tanz und Gebetsgebärde bei Beatrice Grimm, psychotherapeutische Weiterbildung, Redaktionsleiter der Zeitschrift Kontemplation und Mystik, lebt in Friedrichsdorf am Taunus, Leiter der Weggemeinschaft Kontemplation und Mystik – Spiritualität und Lebenskultur aus der Stille in Friedrichsdorf/Taunus