Monatsbrief September - Oktober 2013
Und wenn Dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,
er wird dich lieben und wiegen
Rainer Maria Rilke
Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,
liebe an Mystik und Kontemplation-Interessierte
Vor lauter Lauschen und Staunen sei still. So beginnt dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke. Lauschen und Staunen sind zwei Grundbewegungen auf dem mystisch-kontemplativen Weg. Beide führen uns in die Stille. Und dann geschieht dies, wovon die zweite Strophe des Gedichtes spricht: Das Schweigen wird beredt. Dies ist eine tiefgreifende Erfahrung, ein Angesprochen sein auf einer anderen, tieferen Ebene. Es ist wie eine Richtungsänderung. Wir hören viele Stimmen um uns und in uns. Wenn uns aber das Schweigen zu sprechen beginnt, lauschen wir der einen Stimme, die uns tiefer nach Innen weist. Deshalb lädt Rainer Maria Rilke uns dann auch ein: lass deine Sinne besiegen. Unsere fünf Sinne sind kostbar, verbinden uns mit der Welt und gleichzeitig fordert die mystische Tradition immer wieder das Überschreiten: Bleib nicht an dem äußeren Eindruck hängen, dem was dir vor Augen ist – schließe die Augen, schau tiefer; dem, was du hörst - geh tiefer, werde Lauschender; bleib nicht am äußeren Geschmack hängen – geh tiefer und entdecke den einen Geschmack Gottes in allem. „Geh in deinen Grund“, oder „bringe deine Sinne nach Innen“ nennt dies die Mystik. Lass deine Sinne besiegen von einem umfassenderen Wahrnehmen. Dann werden die Sinne zu einem Tor in das große Geheimnis der einen Wirklichkeit. „Lass deine Sinne besiegen“ hat also weniger etwas von Niederlage, Kasteiung oder Verlust von Lebensmöglichkeit, sondern eher die Qualität der Hingabe an das Sein selbst. Diese Hingabe macht uns präsent, gegenwärtig. „Jedem Hauche gib dich, gib nach.“ Wie also gelingt es, dem Leben keinen Widerstand entgegenzusetzen, sondern es in all seinen Ausdrucksformen mit offenen Armen zu begrüßen, es zu vergegenwärtigen? Dabei wird immer subtiler spürbar, wie wir mit feinen, Angst motivierten Anspannungen dem Leben entgegentreten. Zur mystischen Erfahrung gehört aber die Tragik zu erkennen, wie wir mit unserem Wollen und Willen und diesem Widerstand immer wieder herbeiführen, was wir vermeiden wollten. Zu einem Ja zum Leben zu finden, wie es sich in diesem Augenblick ausdrückt, macht uns versöhnlicher, friedvoller, stiller. Jedem Hauche gib dich, gib nach, er wird dich lieben und wiegen. Der Weg der Stille, der kontemplative Weg führt uns in dieses vertrauensvolle Dasein ein, welches die Kostbarkeit des Augenblicks und das Wunder des Lebendig seins vergegenwärtigt. Unser gemeinsames Praktizieren lädt ein, uns auf diesen verwandlungsweg zu begeben.
So freue ich mich auf ein Wiedersehen und gemeinsames Unterwegssein auf dem kontemplativen Weg.
Mit herzlichem Gruß
Sven-Joachim Haack
