Monatsbrief August – September 2013

|   Monatsbriefe

 

 

 

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,

du mein tieftiefes Leben;

dass du weißt, was der Wind dir will,

ehe noch die Birken beben.


Rainer Maria Rilke

 

Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,
liebe an Mystik und Kontemplation-Interessierte!

Lauschen und Staunen sind zwei Grundbewegungen auf dem mystisch-kontemplativen Weg. Beide führen uns in die Stille. Das Lauschen lässt unsere Ichaktivität in den Hintergrund treten. Es fördert das Spüren und Fühlen und stellt ein ganzheitliches Wahrnehmen dar. Im Lauschen übersteige ich mich selbst und nähre mein Gewahr sein. Im Lauschen geht es nicht mehr um mein Wollen, mein Wissen, mein Habenwollen. Das Lauschen macht mich stiller. Es führt mich in die Tiefe und in die Stille. Und immer wieder ist es Menschen geschenkt durch Geräusche hindurch in die Stille zu hören. Mehr noch: durch diese erste, vordergründige Stille hindurch auf die Stille hinter der Stille. Damit öffnet sich der Zugang zur Wahrnehmung dieser hintergründigen, immer anwesenden, aber nicht immer zugänglichen Qualität von Präsenz und Stille, die so groß und tief ist, dass Geräusche sie nicht zu beschädigen vermögen.

Lauschende zu werden führt dann oft in ein Staunen. Auch diese Qualität der Seele weist über mich selbst hinaus. Staunen hat wiederum etwas zu tun mit der Wahrnehmung der Tiefendimension des Seins und ist verwandt mit dem Ergriffensein. Da taucht etwas von der Wirklichkeit auf, die ich nicht machen oder selbst verbürgen kann. Staunend nähere ich mich dem Geheimnis meines und allen Lebens und gleichzeitig dem Mysterium der Gegenwart des Göttlichen. Die Schwester des Staunens ist dann die Demut, die Humilitas, der Mut zur vollständigen Menschlichkeit.

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, du meine tieftiefes Leben. Rainer Maria Rilke beschreibt in diesen lyrischen Worten Grundbewegungen der Kontemplation. Sitzen, Lauschen, Staunen und dadurch und darin stille werden. Aber damit endet es nicht: Dass du weißt, was der Wind dir will, eh noch die Birken beben. Diese Stille öffnet das Tor zu unserer Intuition. Sie vergrößert unsere „Empfänglichkeitsanlage“. Sie öffnet einen Wahrnehmungskanal über unsere rationalen Möglichkeiten hinaus. Sie lässt uns in Kontakt mit dem uns Umgebenden kommen, weckt die Erfahrung der Verbundenheit und schafft Gleichzeitigkeit. Noch eh die Birken beben – sie macht feinfühlig, hellhörig, weitsichtig. Die erste Strophe dieses Gedichtes beschreibt, um was es auf dem kontemplativen Weg geht. Dieser aber führt noch weiter. So möchte ich die nächsten beiden Zeilen den nächsten Monatsbriefen voran stellen. Bis dahin wünsche ich Ihnen, Euch, uns diese Erfahrungen auf dem Weg der Stille.

So freue ich mich nach der Sommerpause auf ein Wiedersehen und gemeinsames Unterwegssein auf dem kontemplativen Weg und grüße herzlich

Sven-Joachim Haack