Monatsbrief Mai - Juni 2013

|   Monatsbriefe

 

 

Friedrichsdorf, in der Woche vor Pfingsten

 

Es gibt einen Ort zwischen richtig und falsch.

Dort treffen wir uns.

Rumi

 

Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,

liebe an Mystik und Kontemplation-Interessierte!

Eine der süßesten Früchte des kontemplativen Weges besteht in der Entstehung dieses Ortes zwischen richtig und falsch. Wir sind in unserer Kultur Weltmeister im blitzschnellen Einordnen und Bewerten. Kaum haben wir den Bruchteil einer Sekunde etwas empfunden, öffnen wir eine Schublade und ordnen ein: richtig – falsch, gut – schlecht, angenehm – unangenehm, ist etwas für mich – ist nichts für mich. Diese Fähigkeit ermöglicht uns zwar einerseits die Aneignung von Erfahrung, be- und verhindert  andererseits aber unser unmittelbares Erleben. Urteile legen und halten fest – und zwar vor allem den Urteilenden selbst. Er zieht damit eine Brille auf, die fürderhin entscheidet, wie er die Welt sieht. Da sich dieser Prozess zunehmend verselbständigt, geschieht dies zunehmend unbewusst. Dies ist eine tiefe Quelle des Leides, gerade auch in Beziehungen. Denn dieser Prozess hat die Tendenz zur Generalisierung: „Immer bist Du so oder so…“, oder „Noch nie konnte ich dies oder das…“. Alte Erfahrungen bestimmen dann unsere aktuellen Erlebnismöglichkeiten. In der biblischen Tradition wird dies, z.B. in der Geschichte des Ganges nach Emmaus, beschrieben als „ da wurden ihre Augen gehalten“. Wir sind dann nicht frei, zu sehen, was ist, können die Lebendigkeit nicht wahrnehmen und schmecken nichts von der Kostbarkeit des Augenblicks und dem Wunder des Seins.

In der kontemplativen Praxis üben wir uns nun in das Niederlassen in diesen Augenblick ein, in die Qualität dieses Augenblicks. Wir lassen uns nieder in diesen gegenwärtigen Moment in seiner Qualität. Die Lebenskunst besteht dabei darin, in der So-heit des Augenblicks zu verweilen. Alle, die dies versuchen wissen: Das ist zunächst sehr schwer. Blitzschnell schiebt sich ein Gedanke, eine Bewertung, ein „so nicht“ dazwischen. Es bei mir auszuhalten gehört zu den hohen Künsten. Nicht auszuweichen und in Bewertungen, Urteile, Pläne, Gedanken, Absichten, Bilanzierungen zu flüchten, gehört zum großen Einmaleins der spirituellen Wege.Es gibt einen Ort zwischen richtig und falsch, jenseits dieser Automatismen der Bewertung und Beurteilung. Spirituelle Wege, so auch der kontemplative, laden uns in dieses Jenseits ein, welches eher ein Zwischen darstellt. Es hält offen, legt nicht auf das fest, was vor Augen ist, sich oberflächlich und auf den ersten Blick  zeigt. Es entsteht ein Raum zur vertieften Wahrnehmung und Begegnung. Da wir langanhaltend geübt sind, die Welt in dieser dualistischen, bewertenden Weise wahrzunehmen, braucht es die immer neue Umkehr, die Wendung nach Innen, die innere Fühlungnahme. „Was ist jetzt? Welche Qualität des Erlebens ist jetzt? Wie drückt sich das Leben und Sein durch mich in diesem Augenblick aus?“ Die Wahrnehmung dieser Qualitäten öffnet das Tor auf dem Weg zur Wahrnehmung des Seins selbst, des „nackten Seins“, wie es der Autor der Wolke des Nichtwissens nennt.

Die Fähigkeit zur Verankerung im gegenwärtigen Augenblick hat eine immunisierende Wirkung gegen die destruktiven Kräfte alter Verletzungserfahrungen und damit heilsame Qualität. Der Ort zwischen richtig und falsch ist der Ort der lebendigen Begegnung, eines Kontaktes von Herz zu Herz. Eine Spiritualität und Lebenskunst aus der Stille hat dies als eine ihrer süßesten Früchte. Aber Vorsicht vor aller Verzweckung: Diese Früchte reifen durch die absichtslose Hinwendung zur Stille. Und dazu lade ich wieder herzlich im Rahmen unserer Weggemeinschaft ein.

Noch ein kurzer Hinweis zu unserer Web-Seite: Wir werden in den nächsten Tagen die Anmeldemodalitäten zu den Tagen der Stille und den verschiedenen Angeboten des gemeinsamen Praktizierens umstellen. Mit dem neuen Procedere soll sichergestellt werden, dass der mit dem verstärkten Interesse einhergehende und leider unvermeidliche administrative Aufwand sinnvoll gehandhabt werden kann. Auch können dann Adressänderungen bzw. Neuaufnahmen in die Verteilerlisten der Monatsbriefe und / oder der Jahresprogramme direkt vorgenommen werden, ohne dass dies weitere Arbeiten erforderlich macht. Bei technischen Problemen / Rückfragen einfach eine kurze Mail an guenter.gleumes@gmx.de mit dem Stichwort „Kontemplationundmystik.de“.

Nun freue ich mich auf Weggemeinschaft und gemeinsame Praxis und wünsche ein begeisterndes Pfingstfest

 

Sven-Joachim Haack