Askese

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Askese ist die Arbeit an einer Verfassung, in der die Fülle des Seins aufrauschen kann Thomas v. Aquin

Vor dreißig Jahren in einem Workcamp in Tansania. Wir wurden gut versorgt: dreimal täglich gab es Brei. Viele Menschen in der Region aßen nur zweimal. Auf der Weiterreise dann ein Abendessen bei einer deutschen Familie. Brot, Tomaten, Leberwurst. Eine Geschmackssensation. Ich hatte noch nie etwas so bewusst verkostet. Die Fülle des Seins war zu schmecken. Eine Woge der Dankbarkeit, Wertschätzung und Kostbarkeit.
Ähnliche Erfahrungen gibt es von Fastenden: „Das Fasten hat mich viel empfindsamer und bewusster gemacht.“ „Ich habe neu das für mich gute Maß entdeckt.“ „Das Fasten war nicht leicht. Es hat mich verletzlicher gemacht. Aber es hat mir auch gezeigt, wo ich meine Gefühle übergehe und mich dann ersatzweise zustopfe.“ „Es war für mich ein tief berührendes Osterfest. Das Fasten hat mich geöffnet. Es ist, als wäre ich auferstanden.“ Fasten als Arbeit an einer Haltung, die Fülle des Seins zu schmecken.
Patienten schreiben am Ende einer Zeit der klinischen Suchtrehabilitation immer wieder davon, sie seien wie neu geboren. Oft waren es viele Jahre des immer engeren Kreisens um ein Suchtmittel. Dies hatte anfangs wie Medizin gewirkt: beruhigend, entspannend, angstlösend. Oft stand am Anfang des Suchtprozesses der Wunsch, Unangenehmes zu vermeiden. Aus der Suche nach Fülle wurde Missbrauch und Abhängigkeit. Hier wird Askese zur Überlebensfrage.
Wir beschädigen die Fülle des Seins gegenwärtig in historisch einmaliger Art und Weise. Täglich sterben Tier- und Pflanzenarten aus - zumeist als Folge unseres wirtschaftlichen Handelns. Dieses trägt Züge eines Suchtprozesses: Wir setzen ein Handeln fort, von dem wir wissen, dass es Lebensgrundlagen zerstört, Konflikte produziert, Bindungen auflöst, ein immer Mehr an Wachstum erfordert und erleben uns als ohnmächtig. Täuschen wir uns nicht: Suchtprozesse, auch kollektive, sind ungestoppt tödlich.
Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind gerade auch spiritueller Art. Woraus leben wir? Was nährt uns? Was ist ein gutes Maß? Askese ist nicht nur eine Frage individueller Praxis. Sie ist menschheitliche Überlebensfrage. „Behandle alle Dinge so, als wären sie heiligstes Altargerät“ heißt es in der Benediktusregel. Ein heutiger Lehrer aus der Zen-Tradition, Thich Nhat Hanh, sagt es ähnlich: „Behandle alle Dinge, als würdest du ein neugeborenes Baby baden.“ Askese als Einübung einer lebensförderlichen und schöpfungsfreundlichen Haltung. Zu ihr gehört, das Wesen der Dinge zu entdecken. Zu erfahren, was sie im Tiefsten sind: Manifestation der Liebe. Dies gilt auch für uns selbst. Askese hilft, unsere eigene Kostbarkeit zu entdecken. Wir sind ein Wunder und göttliches Geschenk ans Leben. Diese Verankerung im Wesen hilft gegen gierige Bedürftigkeit. Es heilt im Angesicht einer auslaugenden, missbrauchenden Kultur des zugestopften Unbefriedigtseins. „Dann schmecken alle Dinge nach Gott“, heißt es bei Meister Eckhart. Solche Erfahrungen wünsche ich Ihnen auf dem Weg durch die Fastenzeit hin zum Fest der Auferstehung.
Sven-Joachim Haack ist Klinikseelsorger in zwei Kliniken für Psychiatrie, Suchtrehabilitation und Psychosomatik und leitet die Friedrichsdorfer Initiative Kontemplation und Mystik – Spiritualität und Lebenskultur aus der Stille
www.kontemplationundmystik.de
Zur Gestaltung
Das Fasten ist die Speise der Seele.
Wie die körperliche Speise stärkt, so macht das Fasten die Seele kräftiger, verschafft ihr bewegliche Flügel und hebt sie empor.
Johannes Chrysostomos
Das Fasten nimmt uns die Hüllen weg und lässt uns einen Mangel spüren, den wir nicht selbst ausfüllen können.
So lehrt es uns aus einer anderen Quelle zu leben und macht uns durchlässiger für Gott
Anselm Grün